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KUNSTKRITIKEN





  1. Karin Weber, Kunstwissenschaftlerin und Galeristin (Dresden),
    Text zur Ausstellung Elke Daemmrich "Mediterran"
    Galerie am Domhof, Zwickau, 2010


  2. Claude Henri Bartoli, San Luis Potosi (Mexiko),
    Text zur Ausstellung "Elke Daemmrich, un monde habité par la couleur"
    Espace d'art contemporain, Bédarieux, Frankreich, 2009


  3. Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner (Direktorin der Museen Junge Kunst und Viadrina, Frankfurt/Oder),
    Laudatio zur Ausstellung in der Galerie des Städtischen Museums Eisenhüttenstadt, 2009


  4. Bernd Weise (Galerist, Chemnitz), Laudatio zur Ausstellung in der Galerie ART IN, Meerane, 2008


  5. Ingrid Koch, Katalogtext 2006


  6. Christoph Tannert, Laudatio zur Ausstellung im Gehagforum Berlin, 2005


  7. Gunter Ziller, Laudatio zur Ausstellung in der Galerie am blauen Wunder Dresden, 2004


  8. Hektor Lopez, Katalogtext Ausstellung Escuela de arte Zaragoza, Spanien, 2002


  9. Spanische Texte


  10. Französische Texte











Karin Weber, Dresden
Text zur Ausstellung Elke Daemmrich "Mediterran"
Galerie am Domhof, Zwickau, Deutschland, 2010



Kann man Farben riechen, schmecken oder fühlen ?
Diese Frage kann ich mit einem JA beantworten. Das Phänomen bezeichnet man als Synästesie.
Angesichts der flimmernden Farbmaterie der Malerei von Elke Daemmrich möchte man ganz einfach
riechend, schmeckend und fühlend mit diesem dargereichten Kosmos verschmelzen.
Unversehens wird man vom flüchtigen Hinschauer zu einem gebannten Betrachter, befindet man sich
auf der Spur Elke Daemmrichs Arbeit, die das Meer geschaut hat, ihre Sehnsucht auf den Wellen
treiben liess, die weiss, dass die Wasser der Erinnerung uns festhalten und doch forttreiben
lassen. Und sie führt uns weg von kunsthistorischen Vergleichen.
Sie führt uns zu etwas hin, das viel weniger im Werk anderer Meister zu finden ist, sondern uns be-
kannt ist aus dem eigenen Erleben, wenn die Sinne bereit waren, für das grosse Abenteuer von Natur.

Elke Daemmrich ist vorallem eine Künstlerin des Augenblicks, die nicht nach Gefühlichkeit strebt,
sondern Farben analytisch verlebendigt und mit einer Leichtigkeit Strukturen und Harmonien schafft,
die den Betrachter anregen, sich selbst zu folgen. Und damit wir uns nicht verlieren im Assoziieren,
benennt sie, die intelligente Fallenstellerin, die Koordinaten ihrer Betrachtungsweise mit lakonischen
Titeln, die der Verortung einen Namen geben.
Aus Nähe wird Ferne, aus Ferne wird Nähe. Elke Daemmrich liebt Dualismen, Gegensätzlichkeiten,
das Verschmelzen von inneren und äusseren Landschaften, in die das Schauen seine Spuren gräbt,
das Schauen, das von eigener Erfahrung und Wunschvorstellung geprägt ist. Deshalb ist die Wahr-
nehmung jedes Einzelnen nicht vergleichbar miteinander und auch die Erwartungshaltung, die sich
mit dem Farbensehen verbindet. Durch Reisen wurde Elke Daemmrich wissend und doch befindet
sie sich auf der Durchreise hin zu neuen Einsichten. Farbe ist ein Mysterium mit dem sie das Flüchtige
und das Dauerhafte bannt, an der Schwelle ewiger Verwandlung zu Landschaften von irisierenden,
grellen wie lebhaften Farbräumen. Man kann mit den Augen Lichtzauber fühlen, ertasten, sich berau-
schen lassen vom Mysterium der Farben, der Formkultur, der Bewegtheit, der Strukturen.

Auf einen Blick sind die Bildwerke nicht fassbar. Sie erfordern ein langes Hin und Her zwischen Detail-
beobachtung und dem ganzheitlichen Sehen, Nah- und Fernsicht um die Komplexität dieser Schönheit
zu erfassen, die wie in einem Rausch, in einem Feuerwerk von Farben gesteigert wird.
Die Gier nach Farbe führt sie zu einer virtuosen, exzessiven, ja nahezu orgiastischen Projektion von
Traum und Sehnsucht nach DEM BILD. Das Ergebnis ist eine gleichermassen aufregende wie beruhi-
gende Malerei, voller poetischer Sensationen und sprühender Phantasie. Wichtig ist, dass das Bild
eine Aura besitzt, das Bildthema ist nur der Anlass, Farben sprechen zu lassen, das Chaos zu ordnen,
der ewigen Metamorphose vom Werden und Vergehen zu folgen, eigene Paradiese zu finden.
Ihre Lebensgier und Lebenslust sprechen ebenso aus ihren Bildwerken wie auch Phantasiereichtum
und analytischer Verstand, gepaart mit einem faszinierenden Spieltrieb. Sie selbst bekennt sich
zum Geheimnis, zur Erde, zur Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit.

In Bezug auf Elke Daemmrichs Malerei könnte man von „kontrollierter Emotionalität“ und „intellektueller
Sinnlichkeit“ sprechen. Aber man kann es auch einfacher ausdrücken : Es riecht nach Erde, duftet nach
Sommer, flirrendes Sonnenlicht wird reflektiert, Wasseroberflächen bewegen sich, alles fliesst und ver-
fliesst und wird ein Ganzes in mitunter überquellender All-over-Struktur, in der sich die Perspektiven
verschieben zu einer Gleichwertigkeit von Mensch, Tier, Pflanze.
Elke Daemmrich zieht alle Register farbiger Verführung und Vorführung. Sie ist sowohl Strategin, die
sich die Farbpalette vorgibt, als auch staunende Zauberin. Der Garten Eden scheint nicht weit und den-
noch geht es um Leben und Tod. Handelt es sich nicht auch um „Fata Morganen“, um Trugbilder, die je
nach Stimmung wechseln können…?!
Entdecken Sie es selbst.

In einem Interview sagte die Künstlerin über sich :
„Ich fühle mich als Europäerin. Heimat hat für mich verschiedene Dimensionen. In Dresden befinden
sich die Wurzeln meiner Herkunft, in Südfrankreich und Katalonien die Wurzeln meiner Kreativität.
Sicherlich lebe ich in Südfrankreich ein Stück näher an der Natur und vor allem eingebettet in die ge-
schichtlichen Gegebenheiten :
Mein Haus, mein Arbeits- und Wohnort, ist das Geburtshaus eines Erzbischofs von Albi mit Teilen aus
dem 13. Jahrhundert. Mein südlicher Garten, die Nähe der Geschichte, die Sonne, das Licht, laden
mich mit einer besonderen Energie auf. Im Süden erlebe ich eine grössere Üppigkeit, einen grösseren
Reichtum an Formen und Farben. Ich inspiriere mich an dem, was mich umgibt. In meinem Garten kann
ich hautnah Gottesanbeterinnen beobachten. Oder am Meer Seeigel. Das besondere der Landschaft
Kataloniens ist, das dort die Hochgebirgszüge der Pyrenäen regelrecht ins Wasser fallen.“

Das, was sie sieht und fühlt, ihr innerer Reichtum ist immer präsent, ihre Sehnsucht nach Harmonie
ebenso und ihr Wissen um das labile Gleichgewicht in der Natur, das durch Menschenhand gestört
werden Kann. Das Blau der Transzendenz und der Träume, der Sehnsucht und des Wassers der Er-
innerung verschwistert sich mit dem Rot des Lebens und dem Grün der Hoffnung. Es ist eine bezwing-
ende Poesie, die vonden stark farbigen, mitunter fluoreszierenden Arbeiten ausgeht, die das Meer,
Blumenpracht und Stierkampf als Gleichnisse zum Thema haben. Hier ist jemand am Werk, der keine
Angst vor dem Farbmeer schillender Projektionen, betörender Perspektiven, strenger realistischer
Handhabung von Details hat. Manche sprechen gar von „Präzision“ und manches wirkt tatsächlich so,
als wäre Blattwerk unter einem Vergrösserungsglas betrachtet worden. Der Betrachter steht Bildtep-
pichen reiner verwirrend flirrenden allumfassenden Struktur gegenüber, in denen sämtliche Ebenen
von gleichwertiger Bedeutung sind, so dass mitunter der Eindruck entsteht, es handle sich um ein
kostbar vertricktes Ornament. Ein Feuerwerk an Farben und ornamental-linearer Einsprengsel, sowie
von Punktscharen, die wie Edelsteine aufleuchten, verheisst sinnliche Ekstase, lustvoll-überschweng-
liche, ja lüsterne Lebensbejahrung, um in der Glut von Rot, Gelb und Blau, im Konzentrat der Farben
zu verglühen. Diese paradiesische Omnipotenz schliesst auch das Vergehen, das nach em Aufblühen
folgt mit ein. Sogartig wird man als Betrachter mit fort gerissen in Gärten erotisierter Verführungskunst,
musikalischer Farbklänge, die sich in einer Orgie von Farbe und Licht steigern.

Wer synästhetische Erfahrungen gemacht hat, wird sicherlich einen schweren, betörenden, nahezu
exotischen Duft im dschungelgleichen Blumenmeer empfangen, der wie eine Droge, berauschende
Wirkung erzeugt. Die Phantasie, die sich an ihren Arbeiten entzündet, der perlende Fluss ornamentaler
Üppigkeit, das Ineinanderfliessen und Verfliessen der Strukturen, die kaleidoskopartige Farbsegmen-
tierung, die das Auge im ersten Moment irritiert, bis es dann auf Wanderschaft geht und euphorisiert
Entdeckungen wagt, das barocke Schwelgen in Farbe – all das gleicht einem Rausch, einem kraft-
spendenden Ritual und man ist sich als Betrachter irgendwann sogar sicher, dass ein rätselhaftes
Energiezentrum innerhalb dieser Farbkultur liegen muss.
Angst vor der Leere - kennzeichnet diese Arbeiten ebenso wie eine Bewegung, die alles einzu-
schliessen scheint : den Wind, den Regen, die Sonne, das Fallen und Aufstehen, das Lieben und
Sterben, Genuss und Fanatismus, Himmel und Hölle, die Metamorphosen lebendiger Glückseligkeit.

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Claude-Henri Bartoli,
San Luis Potosi (Mexiko)
Text zur Ausstellung "Elke Daemmrich, un monde habité par la couleur"
Espace d'art contemporain, Museum Bédarieux, Herault, Frankreich, 2009



Elke Daemmrich, oder die Dornen der Schönheit

Wenn der Kunstliebhaber das erste Mal Werken von Elke Daemmrich begegnet, dann ist das für Ihn
eine grosse Überraschung, so als ob ein Reisender, der in Paris in den Zug steigt und seine Augen
erst wieder in der gleisenden Sonne des Midi, in Juan-les-Pins, öffnet. Jeder weiss, dass die
Blendung, die das Sehen verhindert, mit der Zeit, wenn sich das Auge an die Veränderung gewöhnt
hat, verschwindet. Dann beginnt das langsame Ordnen dieses intensiven Feuerwerks.
Der Überschwang der Linien, Formen und Farben, der anfangs unfassbar scheint, wird lesbar.

In diesem Dschungel dominieren pickende Formen, leuchtende Dolche, erotische Turgeszenzen und ein
tierisches Repertoire : Stiere, Grillen, Heuschrecken, Hummer, Tintenfische, Langusten mit Zangen,
Hörnern und Krallen, die zu einem kanibalischen Festessen einzuladen scheinen, bei welchem sogar
Blumen Fleisch fressen. Eine panische Sarabande animiert den Bildraum, so als ob für die Künstlerin,
die aus der Kälte des Norden kommt, der Mauerfall einen Regenbogen befreit hätte.

Diese Lektion Hedonismus ist heilsam gegen Mittelmässigkeit und Stereotypen der heutigen Zeit,
belebend wie ein heftiger Windstoss frischer Luft. Hier ist alles möglich : das Schöne, als auch sein
Gegenteil, das Aufeinandertreffen von wiedersprüchlichen Energien...
gewollt, gefordert, sichtbar gemacht.

Also passen Sie beim Betrachten der Ausstellung auf die Dornen auf !
Notiert :
Elke Daemmrich stellt seit 1988 aus, mehr als 100 internationale Ausstellungen begleiten einen
ungewöhnlichen Lebenslauf.

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Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner,
Direktorin der Museen Junge Kunst und Viadrina Frankfurt/Oder
Laudatio zur Einzelausstellung "Atem des Südens",
Galerie des Städtischen Museums Eisenhüttenstadt 2009



" Die Franzosen sind eben mit ihren Sinnen viel glücklicher veranlagt für die Malerei, den Deutschen
mangelt der koloristische Sinn", bemerkte Käthe Kollwitz bereits 1911. Vergleicht man so z. B. die
Malerei des französischen mit der des deutschen Impressionismus, lässt sich diese Behauptung
bereits im 19. Jahrhundert sehr gut nachvollziehen. Eine heitere Unbeschwertheit der französischen
Malerei, die von der Leichtigkeit des Seins zu künden scheint, steht nicht nur hier der schwerblütigen,
zur Selbstzerfleischung neigenden existenziellen Infragestellung auf deutscher Seite gegenüber.

Aber auch heute kann man feststellen, dass eine intensiv heitere Farbigkeit, verbunden mit einer deko-
rativen Formenfindung, immer noch verhältnismässig selten in der zeitgenössischen deutschen Kunst
zu finden ist. So stellte der bekannte Kunsthistoriker Paul Vogt bezogen auf das Werk von Matisse
selbst noch 1989 fest: "Schönheit wird zu leicht mit Oberflächlichkeit verwechselt, ein erlesener Ge-
schmack im Umgang mit Form und Farbe gilt als verdächtig, der schönfarbige Klang dekorativer Bild-
elemente als Verrat am dunklen Ernst der Kunst." Elke Daemmrich gehört diesbezüglich zu den Aus-
nahmen in der deutschen Kunstszene, nutzt sie doch gerade diese Gestaltungsmerkmale als Basis
für ihre Arbeit. Doch sie tut dies, ohne dabei ihre Herkunft zu verleugnen.

Der Auslöser für ihren eigenwilligen künstlerischen Selbstfindungsprozess war ein Stipendium der
Stiftung Kulturfonds Berlin, das 1993 mit einem halbjährigen Aufenthalt in der Provence verbunden
war. Doch obwohl er bei der Künstlerin mit einer gewissen Folgerichtigkeit zu dem Entschluss führte,
ihren Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen, kehrte sie seit 2003 immer wieder, nicht zuletzt
durch Ausstellungsprojekte wie das heute zu eröffnende, nach Deutschland zurück.

Ab 1994 und damit seit 15 Jahren lebt sie so bei Toulouse in Südwestfrankreich. Hier ist es vor allem
das gleissend helle Licht des SÜDENS verbunden mit der Wärme und einer üppigen Vegetation sowie
das Leben in relativer Einsamkeit mit und in der Natur, das ihr immer wieder von neuem Kraft für die Ar-
beit gibt und dieser zugleich eine Intensität verleiht, die eine unverwechselbare Note besitzt.
"FÜR MICH GING MALEREI ERST LOS," stellte die Künstlerin bezogen auf ihr Leben in Frankreich fest,
dass sie möglicherweise gerade im Dialog mit dem nicht vergessenen heimatlich barocken Flair der
Elbmetropole Dresden so bewusst erlebte.

So werden Daemmrichs Bilder seit 1993/94 vor allem durch eine intensiv satte Farbenpracht bestimmt.
Ob es nun ein leuchtendes Zinnoberrot ist oder ein Kaisergelb, ein Königsblau und ein kräftiges Violett
sowie die Vielfalt intensiver Grünvarianten, die sich mit satten orangenen Tönen ein orchestrales Stell-
dichein geben, sie verbinden sich auf der jeweiligen Bildfläche zu einem phantastischen Geschehen.

Dieses geheimnisvolle Treiben ist aber nicht allein auf ihren Gemälden sondern auch auf ihren Radie-
rungen und Kupferstichen zu finden. Hier gestaltet sie im Verhältnis zur Malerei auf kleiner Fläche, jetzt
im farbigen Schwarz-Weiss mit einer Fülle von Grauvarianten. Literarischer und auch persönlicher sind
diese Blätter, die seit 1997 entstehen. Aber der Malerei durchaus vergleichbar sind auch hier Pflanzen
und Landschaften sowie Porträts von Toreros oder Stierbilder die Akteure des Geschehens, welche
flächenausspannend agieren und das jeweilige Bild bzw. Blatt gleichsam zu sprengen scheinen. Durch
die Anschnitte verbunden mit Überblendungen wird die Unmittelbarkeit und Nähe zum Betrachter bei der
Grafik wie in der Malerei noch verstärkt.

Nun wollen wir uns wieder ganz auf die Bilder der Künstlerin konzentrieren, da für mich der besondere
Reiz ihres Schaffens im Gebrauch der Farbe liegt. Doch trotz deren farbig formalen Ausdrucksstärke,
die einem auf den ersten Blick ins Auge fällt, sind es nicht die exstatisch farbigen Gefühlsausbrüche
einer expressionistisch pastosen Malerei, die wir hier bewundern können. Vielmehr formuliert die Künst-
lerin mit dünn deckender Ölfarbe sowohl ausdrucksstark flächenhaft, ohne dabei die Farbmodulation zu
vernachlässigen als auch zeichnerisch präzis, mit grafisch klarem Strich.
Und in Beidem, in der Grafik wie in der Malerei, besitzt das Dargestellte, abgesehen von einigen bewu-
ssten Verzeichnungen, reale Proportionen, wobei diese Realitätssicht im Bildzusammhang nicht selten
wieder aufgehoben wird. So wird das von ihr Formulierte, sowohl in seinem aufeinanderbezogenen Grös-
senverhältnis, als auch in seiner An- und Zuordnung allein von subjektiv formalen Gesichtspunkten be-
stimmt. Nicht zuletzt ist es aber auch die schwerblütige Kostbarkeit der farbigen Gestaltung ihrer Malerei,
wie wir sie von den grossen Koloristen des 20. Jahrhunderts in Dresden kennen, die sich von der Leich-
tigkeit des Seins abhebt, wie sie nicht selten die Franzosen zu zelebrieren verstehen. So klingt letztlich
bei den fast barock zu nennenden, d.h. von rauschender Fülle geprägten Darstellungen der Künstlerin
auch immer ein janusköpfiges dialektisches Moment mit. Die Doppelkodierung von französischem und
deutschem Formenbewusstsein, von Rationalem und Irrationalem, Sinnlichem und Verstandesmässigem,
von den Tag- und Nachtseiten des Lebens und letztlich von Leben und Tod sind so immer miteinander
verwoben in ihren Darstellungen zu finden.

Das scheinbare Chaos einer kaum zu steigernden Üppigkeit des Wuchern ihrer Bildsegmente in schil-
lernd schöner Farbenpracht weiss Elke Daemmrich jedoch immer wieder zu bändigen und daraus ein
stimmiges Ganzes zu bilden, das auch eine agressiv gewaltvolle Komponente in sich birgt. Die sybio-
tische und vorallem gekonnte Verbindung aller dieser Elemente zu einer Bildeinheit sind es letztlich,
die uns zwingen das jeweilige Werk mit seinen Momenten von Anziehung und Abstossung erkunden zu
wollen. So bestätigt sich im Werk der Künstlerin die Tatsache, dass es kein Paradis ohne Hölle gibt.
Von beidem wissen diese Bilder auf eindrucksvolle Weise zu berichten, wenn man sich die Zeit nimmt
und sich auf sie einlässt.

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Bernd Weise, Galerist, Chemnitz
Laudatio zur Einzelausstellung "Kraft des Südens",
Galerie ART IN Meerane 2008



Elke Daemmrich wurde im Jahre 1964 in Dresden geboren. Seit einer ersten Ausstellung ihrer
Arbeiten im Jahre 1988 hatte sie an zahlreichen Orten überragende Erfolge - und seit einigen
Jahren höre ich mehr und mehr von dieser Malerin, die in letzter Zeit eine nicht unbemerkt bleibende
Spur hinterläßt. Eine Spur, die den Weg zu künstlerischem Erfolg zu markieren scheint. Wissen
paart sich bei ihr mit Können, mit Erfolgswillen und enormer Energie und mit einer sehr starken
Konzentration auf das eigene künstlerische Werk, sodaß ihre Arbeit nicht unbemerkt bleiben kann
und von der Kunstwelt in immer stärkerem Maße wahrgenommen wird. Das zeigen viele Ausstel-
lungen in Deutschland genauso wie in ihrer Wahlheimat Frankreich.

Während eines sechsmonatigen Arbeitsaufenthaltes in der Provence erblühte ihr Verlangen nach
dem Licht des Südens - bereits seit 1994 lebt die Künstlerin nunmehr bei Toulouse in Südwest-
frankreich. Dort hat sie den Ort der Einsamkeit und der Zuflucht gefunden an dem sie leben und
arbeiten kann, wie eine Einsiedlerin in und mit der Natur und doch verflochten mit den Kunstzentren
des scheinbar vereinten globalen Europas. Aus dem Wechsel ihres Lebensmittelpunktes erwuchsen
wesentliche gedankliche Anstöße für neue Bilder. An keinem anderen Ort hat sie eine solche Fülle
von Anregungen gefunden wie dort.

Themen gibt es viele für Elke Daemmrich. Ihre expressiv komponierten Gemälde verraten viel,
vielleicht sogar sehr viel Privates. Auffallend ist bei zahlreichen Gemälden die unmittelbar sinnliche
und erotische Beziehung zur Farbe - und zu den Motiven. Männliche Stiere und sehr weiblich an-
mutende Blüten geben sich auf den Leinwänden ein Stelldichein. Die unbändige Sehnsucht nach
dem verlorenen Paradies ist der Künstlerin anzumerken. Darüber hinwegtäuschen kann und will
die gleißend heiß flimmernde Farbigkeit ihrer Bilder nicht. Immer wenn ein Künstler oder eine
Künstlerin sich mit Geschaffenem, an die Öffentlichkeit begibt wird sehr Persönliches preisgegeben.
Wird das Herz geöffnet. Die unmittelbare sinnliche und erotische Beziehung zur Farbe scheint mir
der wichtigste Ausgangspunkt von Elke Daemmrich und das durchgängige Grundelement ihrer
künstlerischen Arbeit zu sein.

Für überwältigende Naturerscheinungen war Elke Daemmrich bereits im Kindesalter sensibilisiert.
Doch erst als gereifte Künstlerin kamen alle gefühlten, erlebten und im Empfinden gespeicherten
Erlebnisse zum Ausbruch und manifestierten sich auf ihren Bildern, nun angereichert mit den Insignien
des Südens, versehen mit der Stärke südlicher Sonne und flimmernden Lichtes. Während die Cou-
leurs ihrer Malereien in einem phantastischen Zusammenhang zu stehen scheinen, erinnern die
Formen der von ihr dargestellten Themen im weitesten Sinne immer an fundamentale Urphänomene
der Natur. Und richtig: apokalyptische Gärten nannte die Künstlerin deshalb ihre Bilder anlässlich
einer Ausstellung in Dresden vor einigen Jahren.

Ihre Erforschung der Landschaften der Provence, ihre Entdeckung der Besonderheit des Lichtes in
Südfrankreich und ihre Erkundung der Wege, auf denen Menschen und Natur aufeinander stossen,
hat sie dazu gebracht, eine ganz persönliche und spezielle Ausdrucksweise zu entwickeln. Ich bin mir
sicher, dass sie zu dieser Ausdrucksweise nur im Süden finden konnte. Die Sehnsucht fortzuziehen,
gewohnte und auch lieb- dabei aber eigener Aktivität hinderlich gewordene Quartiere zu verlassen
und zu neuen Ufern aufzubrechen vereint Elke Daemmrich mit einigen ihrer prominenten Kollegen aus
vergangenen Jahrzehnten. Erst die wirkliche Loslösung von familiären oder sozialen Bindungen durch
das Nachgeben nach dem Drang ins Freie ermöglicht wahrscheinlich auch wirkliche Befreiung von
starren, eigene Entwicklung behinderten Wurzeln oder von verstaubt anmutenden Traditionen.
Künstler, Maler besonders, sind stets neugierige, aufgeschlossene, meist rastlose Menschen.

Die Werke von Elke Daemmrich sind von sehr lebhaften Farben erfüllt. Dabei besitzen sie auch viel
von der Sehnsucht nach dem Märchenglanz und dem Traumleben der Romantik. Mit regelmäßigen
Pinselspuren vereint sie ein feuriges Rot mit dem erstaunlichen Blau des Himmels und dem alles
durchdringenden Gelb und sie erzählt uns auf diese Weise von unerwarteten Entdeckungen und
Erlebnissen. Sie zeigt uns Flora und Fauna, sie erinnert uns dabei an die Darstellungen des Stier-
kampfes durch Picasso. Über das Mythologische hinaus barg der Stierkampf bereits ihm, dem Vor-
bild zahlreicher Künstlerinnen und Künstler, eine erotische Symbolik. Denn das Spiel des Toreros
mit dem Stier scheint einem Tanz zu gleichen. Einem Tanz - vergleichbar mit einem Ritual zur Son-
dierung sexueller Möglichkeiten. Das Schwingen der Hüften,der ständige Blickkontakt der Tanz-
partner, das Berühren der Hände und Schultern, beziehungsweise der Oberkörper ist wohl als eine
Art Beginn bevorstehender Vereinigung zu sehen.

Der Stierkampf ist nur ein Teil der Mythologie des Mittelmeerraumes. Er ist ein wichtiger Bestandteil
der Kultur dieser Region und bedeutet Heimischsein für Elke Daemmrich. Und natürlich finden sich
auch Stiere und Toreros in den Bildern hier in Meerane.

Beim Betrachten und beim Lesen der Bilder von Elke Daemmrich kommt uns auch wieder zu Be-
wußtsein mit Begeisterung Goya gesehen zu haben und wir finden Hemingway wieder, den wir in
unserer Jugend lasen und der im Bücherregal gleich neben Hermann Hesse und Heinrich Heine
steht. Schon ihm, dem an Frankreich verlorenen Sohn, genügte das latent schwermütige Leiden an
der deutschen Krankheit für den Schritt ins französisch heitre Tageslicht. Zum Drang nach Freiheit von
den deutschen Zuständen und der Bürokratie und der Miesepetrigkeit und dem die Sinne trübsinnig
machenden Wetter kam auch bei Heinrich Heine die Verheißung nach Glück, Liebe und Wärme.

Kunst kann expressiv, exotisch, erotisch, europäisch, phantastisch oder wie auch immer sein. Sie ist
es seit Jahrhunderten und wird es weiterhin bleiben. So ergeben sich fast grenzenlose Möglichkeiten
des Arrangierens unterschiedlicher Stile und Inhalte. Kunst darf auch dekorativ sein. Sie darf auch
gefallen. Elke Daemmrichs Kunst ist so. Sie hat von allem etwas und ist dabei absolut eigenständig.
Über Mangel an Resonanz kann die Künstlerin nicht klagen. Der unverwechselbare Stil ihrer Malerei
ist stets wiedererkennbar und dem Namen der Malerin immer wieder zuzuordnen. Am Ende fügt sich
bei Elke Daemmrich alles in der Glut mediterraner Farbenpracht, alles Selbstinszenierte und jedes
Zitat der Kunstgeschichte, alles das was ihre Kunst ausmacht gelingt zu einem harmonischen Ganzem.

Die deutsche Alltagssprache verdankt Heinrich Heine unter anderem die Vokabel "Fiasko", die er aus
Frankreich mitbrachte. Ebenso wie den Begriff "Vorschußlorbeeren". Ein Fiasko erleiden wir hier nicht,
doch Vorschußlorbeeren, diese möchte ich gern der Ausstellung darbringen von der ich hoffe, dass sie
ihnen genauso gut gefällt wie mir.

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Ingrid Koch, Dresden
Paradis und Apokalypse

Katalogtext Elke Daemmrich 2006


Die Bilder der Malerin Elke Daemmrich kann man nicht übersehen. Leuchtendes Zinnoberrot,
Gelb und Königsblau, auch kräftiges Violett, Grün und Orange ziehen fast zwingend den Blick
an. Die Brillanz der dünn, aber leinwanddeckend aufgetragenen Farben ist bestechend.
Ebenso der malerische Duktus, der selbst Details wie die "Adern" der Blütenblätter einschließt.
Diese "Präzision" erzeugt nicht in erster Linie Abbildhaftigkeit, sondern eher Verfremdung,
die ebenso durch die freie Handhabung von Größenverhältnissen unterstützt wird. Blüten
ähneln Kinderköpfen, Insekten und Meerestiere erscheinen riesig, ein Stier in Korrelation zu
einer Blumenwiese wiederum klein, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Bildszenerien wirken
in der Folge ein wenig surreal - gleich ob sie Eindrücke aus dem brodelnden New York verarbeiten,
von erlebten Stierkämpfen oder von südländischer Natur berichten. Bei allen partiellen malerischen
Unterschieden der letzten Jahre gibt es ein Hauptcharakteristikum: Die Malerei ist flächig, erinnert
an einen Teppich.

Ihre Motive sind durch ein kunstvolles Drüber und Drunter miteinander verknüpft - der Stier mit dem
Mohn, der Hummer mit vielen kleinen Krebsen, die Flügel der Bienen bei der Honigernte mit dem
Rot der Blüten. Es ist wie in der Natur: In Elke Daemmrichs Malerei ist alles mit allem verbunden.
Noch deutlicher wird dieses Bildprinzip in ihren Radierungen und Kupferstichen sichtbar, etwa in
den Serien, in denen sie auf Francisco de Goyas "Caprichos" und dessen Zyklus "Tauromaquia"
Bezug nimmt. Diese Arbeiten weisen die Malerin als eine ebenso überzeugende Grafikerin aus.

Die malerische Auffassung der Künstlerin steht in engem Zusammenhang mit ihren Themen.
Oder sollte man besser sagen: d e m Thema? Denn gleich ob sie im Jahr des 11. September
New York-Bilder malt, zu anderer Zeit den Stierkampf thematisiert, einen im Blütenmeer
versinkenden Garten zeigt oder den Betrachter mit einer Ansammlung Meerestiere konfrontiert
- alles hat mit Dasein, mit Existenz, zu tun.

In dieser Malerei findet man Himmel und Erde, Werden und Vergehen, Fressen und Gefressen-
werden, Geburt und Tod. Die Künstlerin malt die Metropole als einen sich reproduzierenden
Organismus, in dem es immer wieder neue Sieger und Verlierer gibt. Auf andere Weise gilt das
auch für den Stierkampf. Wer ist der Starke, wer der Schwache? Der Torero oder der Stier?
Archaische Gesetze wirken in diesem Wettkampf. Für beide kann es um Leben und Tod gehen.
Auch daran erinnern Bilder Elke Daemmrichs. Und an Weiteres: Der Stierkampf ist ebenso ein
Gleichnis für das Wechselspiel der Geschlechter - deren Anziehung und Abstoßung, worauf ja
nicht zuletzt die Erhaltung jeder Gattung beruht.

Endlichkeit und Doppelgesichtigkeit der Existenz - auch darüber erzählt Elke Daemmrich mit
ihrer Malerei - nicht nur, wenn sie an den toten Torero erinnert, sondern auch in ihrern auf den
ersten Blick paradiesischen Gartenbildern, in denen die Zeit stehen zu bleiben scheint.
In allen Blauschattierungen leuchtet Iris, grandios sind die rot-gelben Mohnblüten, im hellen
Licht bricht sich das Weiß der zarten Passionsblume, während die Tulpen feurig zu lodern
scheinen. Unter der Oberfläche der Schönheit spürt man zugleich etwas Untergründiges,
eine Art "zweite" Ebene.

Der gemalte Überfluss wirkt gleichermassen erotisch wie gewaltvoll. Beides scheint wie ein
feines Gespinst die Bilder zu durchdringen. Prall sind gross gemalte Blütenstände und
Fruchtkapseln, dunkel-prächtig die "Nachtblumen", tief die Abgründe eines überdimensionierten
Blütenkelchs. Und nach der Begattung ist das Schicksal des Männchens der Gottesanbeterin
besiegelt. Fast körperlich ist der naturgegebene Kampf ums Dasein zu spüren, der in seiner
Konsequenz allerdings mit immer wieder neu entstehendem Leben das Ganze sichert, neues
Leben, neue "Ernten"!

Ein Paradies, wie es die Vorstellung suggeriert, ist also auch der Garten bei aller Schönheit
nicht. In der Erotik der "Nachtblumen" kann auch die Apokalypse lauern. Gleichwohl kann die
Künstlerin auf Bildern das "reine" Paradies erzeugen: Dort sind Liebende von buntschillernden
Pflanzen und Vögeln umgeben, Menschen, junge und ältere, hellhäutige und braune, sind
friedlich beieinander - als Ideal, für einen Moment. Daß in diese Harmonie künstlerisch auch
Ereignisse wie der 11. September 2001 oder der Einmarsch der Amerikaner im Irak 2003
einbrechen, passt zur vitalen, aufs Ganze gerichteten Kunst der Malerin.

Deren entscheidender Impuls dürfte ihr Wechsel von Deutschland in den Süden Frankreichs vor
zwölf Jahren sein. Die Wärme, das Licht, die Menschen machten die "überquellenden" Bilder
möglich. Das Haus in Tournecoupe, der Garten, die Märkte, die Stierkampfarnen oder die bei
Autofahrten unter heißer Sonne erlebten Landschaften waren und sind Impulsgeber für die
Neupositionierung der Künstlerin. Südfrankreich und das benachbarte Spanien, sicher auch die
in diesem Umfeld zu entdeckende Kunst, beflügeln die Phantasie und stärken wohl die emotionale
Kraft.

Wenn mittlerweile im Schaffen zwar die Stierkampfarenen ein wenig in den Hintergrund getreten
sind, so bleibt zu konstatieren, dass dieses Erlebnis und die Beschäftigung mit der den Stier-
kampf tragenden "Philosophie" gewiß grundlegend waren für die "Neuaufstellung" der Malerin
Elke Daemmrich, die zunächst mit konstruktiven Bildern bekannt wurde.

Sie lernte die Welt anders sehen, als sie im Torero einen Verwandten des Künstlers entdeckte
und im Stierkampf ein ästhetisches Ereignis. Er war eine Grenzerfahrung, die alle Sinne aufrührt.
Vielleicht war es auch diese Sinneserfahrung, die sie als Frau zu diesem Thema finden liess.
Vor allem eröffnete diese ihr wohl auch neue Perspektiven bei der Wahrnehmung von Natur, ja
Welt überhaupt. Aus der ungewöhnlichen künstlerischen Handschrift Elke Daemmrichs spricht
eine selbstbewußte Individualität.

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Christoph Tannert, Berlin
Laudatio zur Ausstellung im Gehagforum, Berlin, November 2005


Zuerst ist es ihr Sehsinn, der beansprucht wird, insbesondere durch die leuchtenden Bilder
von Elke Daemmrich.

Sie sehen aus wie ein Rummelplatz der Gefühle und sind in ihrer malerischen Anlage doch
äusserst präzise. Ihr Sog, dieses geradezu atavistisch Schlundhafte, ist phänomenal.
Aus ihnen spricht purer Süden, die Lustangst, in Schönheit zu verglühen, und doch sind sie
das Ergebnis eines konzentrierten Werkprozesses in fröhlich-freier Hingabe an das Barocke,
zuweilen Ornamentale. Blau, rot, Gelb und Grün vermischen sich zu Konglomeraten zwischen
Schein und Schock zu Bindegliedern zwischen Alltag und Ausnahmesituation.

Ob Stadt oder Stierkampf, New York oder Südeuropa, Blüten oder Apokalypsen, Elke
Daemmrich versetzt das Blut der Betrachter in Wallung. Wer aufflammende Himmelskörper
zu sehen scheint, rotierende Sonnen, wähnt sich im Fieber - oder in einer Arena, umgeben
von Toreros, die ihre gelben und fuchsiaroten Capes elegant über den ockerfarbenen
Sand wirbeln, daß einem der Atem stockt. Als ob die Formen eine Urkraft umflirren und
becircen, mit geschliffenen Drehungen und Wendungen das Anbranden des Lebens umwer-
bend. Das ist Malerei in somnambuler Berufung, in der der Pinsel tanzt, als sei er lebendig.

Elke Daemmrich, geboren in Dresden, heute in Südfrankreich ansässig, läßt in diesen Bildern
ein Leidenschaft spüren wie ein Meister-Pâtissier. Gleichzeitig verdanken sich diese Bilder
einer Sicherheit, die aus unübersehbarem Einverständnis mit der Tradition erwächst.
Das zeigt sich auch an den druckgrafischen Blättern, die die Künstlerin wie in zweiter Linie
hinter den Bildern zeigt. Es sind kleinformatige Radierungen und Kupferstiche, die zwischen
1997/98 und 2003 entstanden. Die Künstlerin hat sie selbst gedruckt. Sie tragen Titel wie
"Der Tod und die Besessenen", "Minotaurus" und "Irak". Herausgefordert von den klassischen
Mythen wie von den kriegerischen Allmachtsphantasien in unserer Welt, füllen ihre Werke den
Raum zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungsmodellen. Ein Druck heißt "Die
Liebenden" und bezieht sich auf Batailles erotisches Buch "Die Geschichte des Auges".
Für mich ist dieses Bild ein Schlüsselbild zum Verständnis des Ansatzes der Künstlerin.

Bataille veröffentlichte 1949 La part maudite (Der verfehmte Teil), sein Werk über politische
Ökonomie, in dem er ein Prinzip entwickelt, in dem die (ehemals sakrale) Verausgabung oder
Verschwendung der Reichtümer Vorrang haben möge vor der zweckgebunden Produktion.
Der Grundgedanke seiner Theorie ist, kurz gesagt, dass der Mensch nicht lebt um zu arbeiten,
also aus Notwendigkeit und Kalkül zu handeln, sondern aus reinem Selbstzweck. Der Mensch
könne erst im Verschwenden des eigenen Lebens Freiheit oder "Souveränität" erlangen.
Zu den von Bataille beschriebenen Formen der Verschwendung gehört neben der Feier
und den Künsten auch die sexuelle Ausschweifung.

Hier schließt sich der Bogen und verweist auf Die Geschichte des Auges, Batailles litera-
risches Debüt, das ich sehr empfehle, und auf das sich Elke Daemmrich bezieht.
In diesem Lichte besehen, bekommen die überbordend sinnlichen Bilder der Künstlerin fast
schon eine paradiesische Erhabenheit.

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Gunter Ziller, Dresden
Laudatio zur Einzelausstellung in der Galerie am blauen Wunder, Dresden (Auszug),
September 2004



...Zu Beginn der neunziger Jahre arbeitet sie zusammen mit einem Kreis um den Leiziger Manfred
Martin den Älteren, wobei sich ihre Malerei seit 1989 in konstruktive und konkrete Bereiche bewegt.

Obwohl sie 1991 ein Besuch bei Max Bill in Zürich nachhaltig beeindruckt hat, sagt sie im
Nachhinein von dieser Phase ihrer Entwicklung, sie habe "wie in ein schwarzes Loch gearbeitet
und einen Ausgang daraus gesucht". Diese Worte charakterisieren gleichermaßen den kosmolo-
gischen Anspruch des Konkreten wie die Tatsache, daß dieses ihrem Naturell fremd geblieben ist.
1993 gewinnt sie ...ein Stipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin, das ihr zunächst einen halb-
jährigen Arbeitsaufenthalt in der Provence beschert. Es entstehen phantastische Landschaften der
Gebirge der Region in der Hitze mediterraner Farbigkeit. Gleichsam einer ausbrechenden Super-
nova im Gegensatz zum Schwarzen Loch bekennt sie heute:"Für mich ging Malerei erst 1993 los".
Seitdem hält sie der Süden Frankreichs fest, auf der Suche nach einer Wohnung ergibt sich ein
Hauskauf im ländlichen Tournecoupe bei Toulouse, womit sie im Gers, dem Departement 32 der
Republique Française ansässig wird. Hier formuliert und festigt sich der unverwechselbare Stil
ihrer gegenwärtigen Malerei.

Frühzeitig fasziniert von mittelalterlicher Kunst und der Graphik eines Goya entdeckt sie um 1985
mit der "Brücke" die deutschen Expressionisten für sich, ...den italienischen Futurismus, Sonia
Delaunay und Max Ernst... Seit 1989 betreibt sie eine direkte Malerei, vorrangig Öl auf Leinwand,
ausser der späteren Druckgraphik entstehen keine Arbeiten auf Papier mehr. Die Provence lässt
ihre Malerei in nahezu Klimt'scher Geistesverwandtschaft in Farbigkeit und dekorativen Details
explodieren, wobei die Kompositionen und das geistige Gewebe surrealer Paraphrasen auf
Menschliches, Tierisches und Pflanzliches einen unverwechselbaren apokalyptischen Garten erblühen
lassen. Ihre Malerei webt kostbare Teppiche in mediterranem Flair zwischen Orient und Okzident.

1996 gewinnt ein Bild Elke Daemmrichs den Ersten Kunstpreis des Kulturzentrum St. Jérôme in
Toulouse anläßlich eines Wettbewerbs zum 800. Jahrestag von "Saint Sernin", der größten
romanischen Kirche der Stadt. Der Namenspatron dieser Kirche, St. Saturnin, wurde von einem
Stier zu Tode geschleift, so daß auf diesem Bild zum ersten Mal in ihrem Werk ein "Toro" auftaucht.
Im gleichen Jahr findet sie in Castres, knapp 100 Kilometer südöstlich von Toulouse, das Goya
Museum als Ausstellungsort, welches spanischer Kunst oder künstlerischen Projekten über Spanien
gewidmet ist. Dies regt sie an zu einem längerfristigen Projekt über das urspanische Phänomen
des Stierkampfes, das in der Kunst durch Picasso, in der Literatur durch Hemingway schon fest
verankert ist. Davon zunächst eher abgestoßen, wird das in anderen Ländern stark umstrittene
Phänomen nach intensivem Studium von Geschichte und Gegenwart desselben zu einem der
wesentlichsten Themen ihrer Malerei. Neben der im Frühjahr 1999 in Castres stattfindenden
Ausstellung hat der Direktor des Musée Goya die Edition einer graphischen Folge angeboten, was
sie zu ihren Kupferstichen führt, gleichzeitig den ersten Druckgraphiken in ihrem Werk überhaupt.
Diesen folgen später Linolschnitte und Radierungen.

Es ist das Infernalische und Apokalyptische, das sie an den "Fiestas de Toros" als Parabel auf
eine ebensolche Welt in gleichem Maße schaudern lässt wie fasziniert. Hier hat sie ihren
Baudelaire, ihre "fleur du mal" gefunden! Wie auch die Janusköpfigkeit der Existenz nach einem
Aufenthalt in New York 1999 den Bildern der noch unversehrten Stadt nach dem 11. September 2001
die Bilder des Infernos folgen lässt.

Selbst in ihren scheinbar sanften Blumenbildern steckt das doppelte Gesicht des Dschungels dieser
Welt. 2003 werden aus friedlichen "Tulpen", in denen sich der Zöllner Rousseau spiegeln könnte,
aus floralen Strukturen des Wiener Phantasten Wolfgang Hutter unvermittelt "Brennende Tulpen"...
Und in diesem Jahr versteckt sie "Im Garten Frankreichs" unter dem Dickicht lianenartigen Blattwerks
einer phantastischen Vegetation ihr Selbstbildnis, das wohl zu den schönsten und faszinierendsten
dieser Art seit Arcimboldo gehören muss, falls denn dieser eines gemalt haben sollte...

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Hektor Lopez, Zaragoza, Spanien
Katalogtext zur Einzelausstellung in der Escuela de arte,
Zaragoza, 2002



Wenn ich mir die Photographien des Werkes von Elke Daemmrich wieder anschaue, fühle ich mich,
als ob ich das erste Mal meine gravierte Stimme oder mein Bild im Video sehe, so als ob ich von
außen mit einer Realität konfrontiert wäre, die ich gewöhnlich von innen betrachte. Wir können uns
leicht vorstellen, dass die Sichtweise dieser deutschen Künstlerin, die sich in Frankreich etabliert
hat, über bestimmte Aspekte unserer und anderer Kulturen neu ist.

Diesem fügt sich ihre besondere plastische Syntax hinzu, ihre Art und Weise, ihre visuelle Sprache
zu kontruieren, in welcher man Elemente verschiedener Tendenzen in einem charakterischen Konzept
verarbeitet findet.

Beginnen wir mit dieser fremden Mischung aus expressiven Haltungen und rationalen Optionen.
Eine breite Palette ohne Zartheiten mischt sich mit einer Abscheu vor Leere und komplexen Kompo-
sitionen. Der Pinselstrich beherrscht Details oder erweitert sich in einem agilen Strich, arbeitet
am Überfluß der Mittel mit und erzählt von einer besorgten Frau, von unmittelbarer kommunikativer
Notwendigkeit, tief und fast physisch. Und vor allem von einer kreativen Flut, welche, scheint es,
die Autorin kaum modellieren kann - die Analyse zeigt nichtsdestoweniger eine tiefe Klarheit des
Konzeptes - wenn die Idee engagierte Form annimmt.

Es ist, als ob Elke Daemmrich mit dem intellektuellen Plan des Bildes in ihrem Geist die Schemen
und Normen erarbeitet, die das Bild einnehmen werden, sich wie in einem mystischen Prozeß in
die Kreation wirft, jetzt erlaubend, dass der Prozeß zur Realität wird.

Wenn Malerei einerseits das Phänomen in Teilbereichen darstellt, andererseits fundamentales
Element ist, können wir versuchen, die Botschaft zu erkennen, die durch den plastischen Effekt und
sein entsprechendes ästhetisches Vergnügen lebt. Portraits von Toreros, Stierbilder oder die Vision
von New York als reine ökonomische Referenz und das besondere Leiden, welches die Attentate des
11. September 2001 verursachten, erzählen uns eine Serie von Mythen, antiken und modernen, die
wieder neu im Licht erstehen. Damit die Kultur, von der man trinkt, alle Ausdrucksformen, die wir
handhaben, tief zugrunde legt. Für mich taucht Elke Daemmrich in unsere Mythen ein und interpretiert
sie von weit weniger entfernten Positionen, die ihre Herkunft und Erziehung vermuten lassen, nichts
lateinisches und nichtsdestoweniger ausreichend weit entfernt von unseren selbstgefälligen Stereotypen
- immer sind wir wohlwollend, wenn wir uns selbst beurteilen - damit wir mit einer Maske falscher Ironie,
die unsere Mundwinkel schmückt, fähig sind, uns in unserem Gewissen ohne Filter wiederzuerkennen,
was uns erlaubt, mit uns selbst zu leben; das was einer meiner Freunde "Honigkruste" nannte und was
Realität tolerabler macht.

Und wir denken mit Distanz und ohne direkte Beziehungen an Goya, an Lorca oder an Cervantes.
Das ist Elke Daemmrich, mit den Riesen kämpfend, Ideen und Gefühle angreifend, unüberwindbare
Barrieren und damit verbunden unveränderliche Stereotypen wegwerfend.

Es ist der Mühe wert, sich mit diesem magischen Spiegel auseinanderzusetzen, wo wir selber entscheiden,
ob wir die Wahrheit annehmen oder ob wir den selbstgefälligen Betrug bevorzugen. Es ist auch nicht so,
daß sie im Besitz der absoluten Wahrheit ist, aber die Frische ihrer Arbeit, die Originalität ihrer Heran-
gehensweise, ihre Unschuld und dadurch schonungslose Aufrichtigkeit, verpflichten uns zum Vergnügen
des Auges, als auch zur intellektuellen Analyse. Mit Sicherheit ist die Übung der Mühe wert.

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Copyright by Elke Daemmrich


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